Hatten Sie sich gerade erst an die gemütliche Ruhe gewöhnt? Hoch EMMERAM hat uns in den letzten Tagen mit seinem fast schon rüstig-gemütlichen Namen ein wenig Winterruhe gegönnt. Doch EMMERAM packt nun seine Koffer und zieht sich Richtung Schwarzes Meer zurück. Den Platz im Regal lassen die Tiefdruckgebiete natürlich nicht lange leer stehen.
Von den Britischen Inseln und Irland her drückt eine nassforsche Verwandtschaft zu uns nach Deutschland, die alles andere als Gemütlichkeit im Gepäck hat. Schon heute Morgen klopfte die erste Regenfront an die Haustüren im Südwesten, doch das war nur das sanfte Vorgeplänkel für das, was Sie in der kommenden Nacht erwartet.

Stellen Sie sich vor, Sie haben ein eiskaltes Sorbet im Garten stehen und jemand hält einen warmen Föhn darauf – genau das passiert gerade in unseren Mittelgebirgen. In der Nacht zum Mittwoch erreicht uns ein neues Tiefdrucksystem, das sehr milde Luftmassen im Schlepptau hat. Besonders in den höheren Lagen, etwa im Sauerland, der Eifel oder im hohen Westerwald, wird es ungemütlich.
Während im Hochschwarzwald noch eine ordentliche Schicht Altschnee liegt, bereitet sich die Natur in Hessen und NRW auf eine ordentliche Dusche vor. Wenn Regen auf Schnee trifft, nennen Meteorologen das Tauwetter. Das klingt erst einmal harmlos, ist aber für unsere Flüsse Schwerstarbeit. Das Wasser kommt nämlich plötzlich von zwei Seiten: von oben als Regen und von unten, weil der schmelzende Schnee sich ebenfalls in flüssiges Nass verwandelt.

Besonders spannend – oder eher besorgniserregend – wird es in den Staulagen. Wenn die Wolken an den Bergen der Rhön oder im Rothaargebirge hängen bleiben, regnet es sich dort so richtig aus. Wir sprechen hier von Mengen zwischen 40 und 80 Litern auf den Quadratmeter bis Freitag. In manchen Ecken kann es sogar die 100-Liter-Marke knacken.
Das ist so viel, als würden Sie in Ihrem Wohnzimmer 100 Milchtüten auf jedem einzelnen Quadratmeter ausleeren. Da die Böden in Regionen wie Rheinland-Pfalz und Nordbayern glücklicherweise nicht tiefgefroren sind, können sie einen Teil wie ein Schwamm aufsaugen. Dennoch werden die Pegel von Lahn, Sieg und Main in den nächsten Tagen ordentlich klettern.
Fazit: Gummistiefel statt Schlitten
Die gute Nachricht für alle, die Angst vor einem riesigen Hochwasser haben: Es wird wahrscheinlich keine Katastrophe epischen Ausmaßes. Da es am Mittwochabend eine kleine Regenpause gibt und der Boden recht aufnahmefähig ist, entspannt sich die Lage zwischendurch ein wenig. Trotzdem sollten Sie in der Nähe von kleinen Bächen und Flüssen im Bergischen Land oder in den hessischen Mittelgebirgen vorsichtig sein. Dort kann es lokal durchaus mal über die Ufer gehen. Packen Sie den Schlitten also lieber ganz weit nach hinten in die Garage und holen Sie die stabilen Gummistiefel raus. Der Winter macht erst einmal Pause, bevor er in der Nacht zum Freitag vielleicht mit ein paar Flocken in den Hochlagen zurückkehrt.
Warum ist das aktuell so?
Das ist eigentlich ganz einfach zu erklären, wenn man sich die Physik dahinter anschaut. Es ist ein Zusammenspiel aus drei Kräften: Wärme, Feuchtigkeit und Wind. Warme Luft kann viel mehr Feuchtigkeit speichern als kalte Luft. Wenn diese feucht-warme Luftmasse nun mit ordentlichem Wind – wir erwarten stürmische Böen aus Südwest – über eine Schneedecke fegt, passiert etwas, das man „turbulenten Wärmeaustausch“ nennt. Der Wind wirbelt die warme Luft direkt an die kalte Schneeoberfläche.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist der „Wasserwert“ des Schnees. Alter, zusammengepresster Schnee, wie wir ihn momentan in den Hochlagen finden, enthält viel mehr Wasser als lockerer Neuschnee. Wenn dieser Altschnee schmilzt, wird massiv viel Energie und Wasser frei.
Da die Luft zusätzlich sehr feucht ist, kann der Schnee nicht durch Verdunstung abkühlen (was den Schmelzprozess bremsen würde). Stattdessen kondensiert die Luftfeuchtigkeit am kalten Schnee, was zusätzliche Wärme freisetzt und das Schmelzen noch weiter beschleunigt. Das ist wie bei einer Cola-Dose, die Sie im Sommer aus dem Kühlschrank nehmen: Sie „schwitzt“ – und genau so schwitzt und schmilzt unser Schnee gerade dahin.